More Than a T-Shirt

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MORE THAN A T-SHIRT

Text von Bryan Sparrow | Fotos von Rendell Catbagan

Dieser Beitrag enthält Erfahrungsberichte einer kanadischen Überlebenden einer Residential School. Lies bitte nur weiter, wenn dich das Thema nicht zu sehr belastet, und achte währenddessen gut auf dich.

Phyllis Webstad ist Überlebende einer Residential School und Mitbegründerin der Orange Shirt Society. Als ich ihr am Set der ersten „Every Child Matters“-Kampagne von Walk Gently gegenübersitze, muss ich an die mutigen und widerstandsfähigen Frauen meiner eigenen Familie denken.

In den stillen Momenten zwischen den Interviewfragen wandern meine Gedanken immer wieder zu meinen beiden Großmüttern: die eine Angehörige der Saulteaux und Cree First Nation, die andere Nachkommin von Siedler:innen und mit einem indigenen Mann verheiratet. Ich denke daran, wie viel Stärke sie bewiesen haben. Meine Kokum (Anm.: „Großmutter“ auf Cree) Doris kämpfte in den 1980er-Jahren für die Rechte indigener Frauen, die mit dem Gesetzentwurf C‑31 durchgesetzt werden sollten. Meine Oma Helen zog allein zehn Kinder groß, nachdem ihr Mann Chief Willard, ebenfalls ein Überlebender der Residential Schools, im Alter von nur 40 Jahren verstorben war. Durch ihre Worte und Beharrlichkeit sorgten sie beide dafür, dass unsere Familiengeschichte nicht in Vergessenheit geriet. Dabei behaupteten sie sich gegen ein politisches System, das seit Generationen darauf abzielte, indigene Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Als Mitglied der Familie Sparrow von den xʷməθkʷəy̓əm (Musqueam) kenne ich Geschichten wie die meiner Großmütter nicht nur aus Gerichtsakten oder Archiven. Für mich sind sie untrennbar mit meiner Familie verwoben und prägen, wer ich bin und wie ich die Welt sehe. Als ich Phyllis an jenem Tag gegenübersitze, wird mir wieder bewusst, welche Kraft dem Erzählen innewohnt und dass wir die Verantwortung tragen, unsere Stimme zu erheben – auch wenn es uns unmöglich erscheint.

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Gleich an ihrem ersten Tag an der St. Joseph Mission Residential School nahm man der damals sechsjährigen Phyllis ihr neues orangefarbenes T‑Shirt ab. Dieser Moment – ein vorsätzlich herbeigeführter Verlust – ist inzwischen zu einem Symbol für etwas viel Größeres geworden: die systematische Aberkennung von Identität, Familie und Würde indigener Kinder in ganz Kanada. Mit ihrer Bereitschaft, ihre Geschichte zu erzählen, hat Phyllis eine Bewegung begründet, die bis heute Gemeinschaften in aller Welt aufklärt und inspiriert.

Phyllis hat ihr Trauma sichtbar gemacht und damit das Bewusstsein für den kulturellen Völkermord durch die Residential Schools geschärft. Bei alledem finde ich besonders bemerkenswert, wie vertraut sie mir vorkommt. Sie erinnert mich an eine meiner Tanten: Sie ist witzig, herzlich und gibt einem sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Selbst wenn sie über die schmerzhaftesten Momente ihres Lebens spricht, strahlt sie eine Freundlichkeit und Aufrichtigkeit aus, die den ganzen Raum in ihren Bann zieht. Sie hat die Gabe, Menschen zum Zuhören zu bewegen – nicht, weil sie deren Aufmerksamkeit einfordert, sondern weil sie mit dem Herzen spricht.

Ein Satz aus unserem Gespräch ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:

„An manchen Tagen möchte ich am liebsten aufgeben. Aber das Gefühl hält nicht lange an. Ich schlafe aus, stehe auf, mache mich fertig und gebe wieder mein Bestes … Was mir Hoffnung gibt, sind meine Enkelkinder – zu wissen, woher sie kommen, wo sie stehen und welche Möglichkeiten sie haben.“

Als Phyllis von ihren Enkelkindern erzählt, denke ich darüber nach, wie viel sich innerhalb einer Generation ändern kann. Während des Großteils meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, dass ich meine indigenen Wurzeln besser geheim halten sollte. Ich bin in Vancouver aufgewachsen. Daher waren mir die Stereotypen, Vorurteile und Irrtümer, die mit meiner Herkunft oft einhergehen, sehr bewusst. Es gab Zeiten, in denen ich diesen Teil von mir eher als Schwäche denn als Stärke empfand. Ich habe Jahre gebraucht, um alte Denkweisen abzulegen, wieder eine Bindung zu meiner Familie aufzubauen und zu verstehen, dass man die eigene Abstammung wertschätzen sollte.

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„Ich muss noch viel an mir arbeiten, und genau deshalb ist mir die Partnerschaft zwischen Walk Gently und der Orange Shirt Society so wichtig. Beide Organisationen setzen sich dafür ein, Räume zu schaffen, in denen indigene Stimmen gehört, gesehen und gefördert werden. Diese Vision steht im Mittelpunkt unserer Arbeit, seit mein Cousin Cole Sparrow-Crawford gemeinsam mit Arc’teryx Walk Gently gegründet hat. Die Society leistet wichtige Arbeit, indem sie die Menschen über die bis heute bestehenden Auswirkungen der Resident Schools in Kanada aufklärt. Zugleich trägt Walk Gently dazu bei, Barrieren in der Outdoorbranche abzubauen, und schafft Möglichkeiten, indigene Geschichten, Designs und Führungsqualitäten sichtbar zu machen, zu würdigen und in die Welt hinauszutragen.

Der Tag mit Phyllis hat mir erneut gezeigt, dass das Erzählen von Geschichten eines der wirkungsvollsten Mittel ist, die uns zur Verfügung stehen. Auf diese Weise ehren wir diejenigen, die nie nach Hause zurückgekehrt sind, vermitteln unser Wissen an die nächsten Generationen und schaffen Raum dafür, dass sich andere in diesen Erzählungen wiederfinden. Für mich steht diese Partnerschaft für die Art von Zukunft, auf die meine Großmütter gehofft haben. Es ist eine Zukunft, in der ich stolz darauf sein kann, wer ich bin. Eine Zukunft, in der indigene Kinder mit dem Wissen aufwachsen können, dass ihre Geschichten und Stimmen gehört werden. Eine Zukunft, in der jedes Kind zählt.“

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