Opening Lines

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Jonathan Siegrist begann damit, neue Routen zu erschließen, weil er selbst härter klettern wollte. Als er feststellte, welche Auswirkung seine Linien auf die Kletterszene haben und dass sie eine Verbindung schafften, bekam sein Tun eine größere Bedeutung.

Opening Lines

Text: Matt Spohn | Fotos: Ryan White

Der von roten Flechten durchzogene Felsstreifen sticht ihm als erstes ins Auge. Er zieht sich weit nach oben, über mehrere Dächer. Der weiße Kalk im unteren Teil sieht vielversprechen aus – super Qualität, hart und solide – beste Voraussetzungen für eine coole Route. All das sagt ihm sein erfahrener Blick.

Der Anfang

Für den Arc’teryx Kletterer Jonathan Siegrist war das Einbohren von neuen Routen eine Art Notwendigkeit.  „Ich lebte in der Front Range und hatte weder Geld noch Zeit zum Reisen“, erzählt er. „Ich hatte eigentlich nicht vor, Erschließer oder Erstbegeher zu werden. Ich wollte einfach mehr Routen für mich.“

„Es begann aus egoistischen Motiven“, gibt er zu. „Als ich merkte, wie andere auf meine Routen reagierten und wie die Community einzelne Aspekte meines Schaffens aufnahm, verschwand diese Selbstbezogenheit komplett.“

17 Jahre nach den ersten Neutouren hat Jonathan Tausende Haken gesetzt, über 200 Routen eingerichtet und acht komplette Klettergebiete erschlossen. Von den „Fins“ in Idaho und „Wizard´s Gate“ in Estes Park zur „5G Wall“ bei Las Vegas – Jonathans Routen sind mehr als seine eigenen Begehungen. Sie hinterlassen etwas für andere: eine Möglichkeit, die Natur zu erleben, eine neue Erfahrung zu machen und sich zu verbessern.

„Zu wissen, dass Menschen ihr Wochenende oder sogar ihre gesamte Saison danach ausrichten, um eine von mir erschlossenen Route zu versuchen, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut“, sagt er.

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„Zu wissen, dass Menschen ihr Wochenende oder sogar ihre gesamte Saison danach ausrichten, um eine von mir erschlossenen Route zu versuchen, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut.“

Die Qualität und die Bedeutung seiner Routen wird durch die Kommentare auf der Kletter-Onlineplattform „Mountain Project“ deutlich:

„Klassisch und extrem spannend.“

„Das Beste vom Besten mit großartigen Features.“

„Viel Luft unter den Sohlen, perfekter Fels und mega Züge.“

„Eine lohnende Route!!  Dickes Lob an Siegrist für diese Linie.“

„Einfach mega. Diese Route!“

„Das ist die spektakulärste Route der gesamten Font Range!“

„Ich kann kaum glauben, wie perfekt diese Linie ist.“

Diese Kommentare werden ergänzt mit den Sternebewertungen in Führern, mit unzähligen, stets präsenten persönlichen Ticklisten und Tagebucheinträgen, Textnachrichten und Social-Media-Posts. Einfach all die Möglichkeiten, die zeigen, wie Menschen diese Linien erleben und wie viel Freude sie bei Klettern haben. Diese Einzelteile formen sich zu einer Geschichte. Eine Geschichte von Kletternden, die eine Verbindung finden und ein Gespür für die Feinheiten von Bewegung und Ort entwickeln. Kapitel für Kapitel verschieben diese Menschen ihre Grenzen über das hinaus, was sie für möglich hielten.

Jonathan freut sich besonders, wenn er Kletternden neue Gebiete zeigen kann. Dass es ihm so viel Glück bereiten würde, zu sehen, wie sie seine Routen erleben, hat er so nicht erwartet. Das ist ein wichtiger Antrieb für ihn, immer wieder neue Linien zu erschließen, vor allem in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

„Der gesamte Lernprozess am Wizard’s Gate hat meine Leidenschaft fürs Bolten geweckt“, sagt er. Cloak and Dagger ist eine der Linien in diesem Gebiet und die erste Route, die Jonathan eingebohrt hat. Sie ist mittlerweile ein Klassiker der Front Range und hat eine Bewertung von 3,9 von 4 Sternen. „Die Route führt über eine mega Wand zu einer ausgesetzten, technischen Kante. Sie fällt einem direkt ins Auge.“

Die Belohnungen des Routeneinrichtens sind enorm – doch der Weg dorthin ist kräftezehrend. Jonathan surft stundenlang auf Google Maps und sucht nach Felsformationen. Dann schlägt er sich durchs Gebüsch und bahnt sich seinen Weg durch unbekanntes Terrain, um zu sehen, ob der Fels wirklich exisiert. Falls ja, klettert er irgendwie nach oben. Immer wieder rauf und runter, hin und her schleppt er das schwere Material: Bohrer und Akku, Umlenker, Statikseile, Brechstangen, Bürsten. Wenn er eine Linie auserkoren hat – was eine Kunst in sich selbst ist – seilt er sich über ihr ab, um zu sehen, ob es Griffe und Strukturen gibt. Dann beginnt die Arbeit.

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Die Qualität und die Bedeutung seiner Routen wird durch die Kommentare auf der Kletter-Onlineplattform „Mountain Project“ deutlich.

Alles andere als gewöhnlich

„Die meisten Routenerschließer, die ich kenne, legen viele Kilometer zu Fuß zurück,“ lacht Jonathan. „Denn du musst ungefähr zu zwei bis drei Wänden gehen, um eine Gute zu finden.“ Aber es geht nicht nur ums Hinkommen. Routeneinbohren ist eine Strapaze für Ellbogen und Muskeln. „Manchmal musst du echt kämpfen, die Position zu halten, während du bohrst. Du jumarst. Du schleppst kiloweise Material.“ Dass Jonathan, der nahezu hundert 9a-Routen geklettert ist, sich dennoch die Zeit nimmt, Linien aufzuspüren, hinzuwandern und einzubohren, erscheint den meisten befremdlich und ungewöhnlich.

„Gemessen an den hohen Standards des amerikanischen Sportkletterns würde ich Jonathan als äußerst produktiven Routenerschließer einstufen“, sagt der Kletterer Josh Wharton. „Die meisten der besten US-Sportkletterer reisen einfach nach Europa, statt sich die Zeit zu nehmen, eine Linie zu finden, zu säubern und einzubohren. Man merkt deutlich, dass er sich komplett in den Sport verliebt hat.“

Diese Passion hat zwei Seiten: das persönliche Streben nach schweren Routen und die Verbindung zur Community. Das Entwickeln eigener Projekte, anstatt bestehende Linien zu klettern, ist wie das bewusste Zubereiten einer guten Mahlzeit für sich selbst. Und das Teilen der Routen mit anderen – das metaphorische An-den-Tisch-Bringen – bereichert das Erlebnis und ermöglicht es Jonathan, sich auf ganz besondere Weise mit seinen Linien zu verbinden.

„Jede Route beginnt bei Null“, sagt Jonathan. „Man entschlüsselt die Beta und findet spezifische Züge. Das ist ein wundervoller kreativer Prozess. Soll ich lieber drei Meter nach rechts queren oder direkt nach oben klettern? Wo setze ich den Umlenker? Die emotionale Realität des Einbohrens ist, dass es ein kreativer Akt ist – und zwischen Schöpfung und Konsum besteht ein großer Unterschied. Ich denke dabei nicht nur daran, was mir persönlich gefällt. Ich schaue mir die mögliche Route mit dem Hintergedanken an, was andere cool finden könnten.“

Die Bedeutung des Namens

Diese Einsatzbereitschaft und Sorgfalt sind in die Entwicklung seines neuesten Projekts geflossen: Pagoda. Ein Kalksteingebiet in der Nähe von Las Vegas. Dieses neue Sportklettergebiet wird von einer tiefer gelegenen, überhängenden Wand geschützt. Besonders charakteristisch sind die bereits erwähnten roten Streifen aus Flechten. Das äußere Erscheinungsbild ist in die Namensgebung geflossen. Jonathan wollte als Absolvent der kontemplativen, buddhistisch geprägten Liberal Arts School diesem Teil seines Lebens Respekt zollen.

Für ihn ist die Namensfindung seiner Routen und der Klettergebiete ein wichtiges Detail des gesamten Prozesses. Die Namen sollten angemessen für den Ort sein und die harte Arbeit des Putzens, Bohren und Erstbegehens widerspiegeln. Für ihn sollte ein Routenname so gewählt sein, dass alle inspiriert werden, die die Linie klettern wollen.  Er sollte Teil des Gesamterlebnisses sein.

„Ich finde, dass man sich bei der Wahl eines Routennamens besonders viel Mühe geben sollte. Die Qualität einer Kletterroute kann durch eine unglückliche Benennung bis zu einem gewissen Grad negativ beeinflusst werden“, sagt er.

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„Gemessen an den hohen Standards des amerikanischen Sportkletterns würde ich Jonathan als äußerst produktiven Routenerschließer einstufen“, sagt der Kletterer Josh Wharton.

Oft tragen Linien, die eine ganze Ära geprägt haben, markante Namen, die faszinierend und sogar ein wenig unheimlich sind. Routen wie Realization, Silence oder Eternal Flame sind heute Teil des Klettervokabulars. Manchmal beziehen sie sich auf die Geschichte der Linie wie Salathé oder ein charakteristisches Merkmal wie The Backbone.

Der markante rote Streifen im Sektor Pagoda, von dem Jonathan sofort angezogen war, ist nun mit Bolts ausgestattet. „Die Route fließt fast schon zu gut“, sagt er. „Jedes Mal, wenn du über eines der Dächer ziehst, findest du einen Henkel – manchmal sind es Leisten oder tiefe Löcher. Die Henkel gehen in kleine Crimps über und du wünschst dir, du hättest vorher gut geschüttelt. Aber jetzt ist es zu spät. Du musst die kräftezehrende Layback-Kante in Angriff nehmen und dann über den letzten Überhang klettern.

Red Lotus ist wahrscheinlich eine der besten Routen des Gebiets. Der Fels ist strukturiert und richtig gut. „Alle, die mit mir hier hochgelaufen sind, waren sofort motiviert, die Linie zu probieren.“

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„Ich finde, dass man sich bei der Wahl eines Routennamens besonders viel Mühe geben sollte. Die Qualität einer Kletterroute kann durch eine unglückliche Benennung bis zu einem gewissen Grad negativ beeinflusst werden.“

Ein neues Kapitel aufschlagen

Für manche Kletter:innen kann eine Route zum wichtigsten Lebensinhalt neben der Familie, des Freundeskreises und der Arbeit werden. Wenn du dich in ein Projekt verliebt hast, kann es losgehen. Und wenn die Route fertig ist, verspürt man den Wunsch, diesen Erfolg zu teilen – das Bedürfnis, andere an diesem entscheidenden Moment teilhaben zu lassen.

Jonathan wünscht sich, dass das Klettern seiner Routen zu einer umfassenden Verbindung von Körper und Geist wird, die durch wunderschöne Formationen, fließende Sequenzen und anspruchsvolle Züge ermöglicht wird. „Ich will, dass meine Routen von Beginn an so gut wie es geht sind“, sagt er. „Natürlich sollen sie Spaß machen und sicher sein, aber mein Hauptziel ist, dass sie unvergessliche Erfahrungen ermöglichen.“

Jede Route ist wie ein gutes Buch. „Wenn ich sie geklettert bin, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Dann geht erst richtig los. Denn es werden noch viele weitere Kletter:innen kommen.“

Arc’teryx ist überzeugter Sponsor des Access Fund Anchor Replacement Grant. Mehr Informationen findest du hier:

https://www.accessfund.org/grants/anchor-replacement-fund

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