In Search of the Perfect Run

Der perfekte Lauf 

Text von Alex Kurt | Fotos von Carlos Blanchard

Ein echter Balanceakt: Zwischen Struktur und Spontaneität findet Jazmine Lowther die Kraft und die Motivation, die sie ihren Zielen näher bringen – und erlebt die Magie des perfekten Moments. 

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Irgendwo auf den 101 Kilometern des CCC passiert es: Jazmine Lowther spürt, wie ihre Gedanken verstummen. Zurück bleibt, was sie als Zustand völliger Ruhe beschreibt. 

Der CCC (kurz für: Courmayeur/Champex/Chamonix) ist Teil der UTMB World Series Finals, die jeden August in den Alpen stattfinden. Für viele Teilnehmenden stellen die Läufe den sportlichen Höhepunkt des Jahres dar, auf den sie monatelang hintrainieren. Als hochkarätiges Kräftemessen, bei dem Athlet:innen nicht nur gefordert, sondern auch frenetisch gefeiert werden, scheint das Event nicht gerade ein Ort zu sein, an dem man zur Ruhe kommt. Und doch ist Lowther genau das passiert. 

„Es hat einfach alles gepasst“, erinnert sich die Arc’teryx Athletin. „Ich war gerade auf einem besonders flüssigen Abschnitt des Trails unterwegs, der sich sanft in der Ferne verlor. Niemand von den anderen Läufer:innen war in der Nähe.“ 

Doch das führte nicht etwa dazu, dass Lowther sich komplett ausklinkte. Im Gegenteil: Sie fand sich „in der Zone“ wieder – und das Laufen fiel ihr plötzlich leichter denn je. Mit einem Mal fühlte sich alles stimmig an. 

„Man gerät in eine Art stillen Rausch, der einen antreibt“, beschreibt es Lowther selbst. 

„Man gerät in eine Art stillen Rausch, der einen antreibt.“

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Der Flow-Zustand 

Lowther ist nicht die Erste, die diese Art schwereloser Trance erlebt. In der Wissenschaft ist das physiologische und psychologische Phänomen längst ein Begriff: Dort spricht man vom „Flow“.  

„Flow bedeutet, völlig ins Leben einzutauchen“, erklärt der Leistungspsychologe Dr. John Coleman, der mit Arc’teryx Athlet:innen wie Lowther zusammenarbeitet. „Er entsteht durch die Verbindung zu sich selbst, zur Umgebung und zum Hier und Jetzt.“ 

 

„Flow bedeutet, völlig ins Leben einzutauchen. Er entsteht durch die Verbindung zu sich selbst, zur Umgebung und zum Hier und Jetzt.“ 

Geprägt wurde der Begriff vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. In seinem 1990 erschienenen Buch Flow: Das Geheimnis des Glücks beschreibt er das Konzept als das Erleben völliger Vertiefung und müheloser Kontrolle beim Ausüben einer Tätigkeit. Anders als beim reinen Autopilot-Modus geht man dabei ganz und gar in dieser Tätigkeit auf – ohne es zu erzwingen. Das Ganze ist buchstäblich Kopfsache: Im Flow-Zustand fährt der präfrontale Cortex, der unter anderem für Emotionen und Entscheidungsfindung zuständig ist, herunter und es übernimmt der Teil des Gehirns, in dem automatisierte Abläufe gespeichert sind. Dadurch werden Unsicherheiten ausgeblendet; an ihre Stelle tritt ein Gefühl von Glück und Erfüllung.  

Für Athlet:innen kann so der perfekte Moment entstehen: das spielerische Bewältigen der Crux; schwerelose Schwünge am Hang; Kilometer, die nur so vorbeifliegen. Schneller, höher, weiter – plötzlich ist alles möglich.

Lowther erging es ähnlich, und das auf eine Art, die sie selbst überrascht hat. „Als ich später ein Foto von mir während des Laufs sah, musste ich lachen“, erinnert sie sich. „Ich habe so etwas Durchdringendes an mir. In meiner Erinnerung war es ganz anders.“   

Lowther erzählt, dass sie diese Einheit von Geist und Körper im besten Fall ein- bis zweimal pro Woche erlebt. Das kann im Training oder im Rennen sein. 

„Wenn es passiert, fühlst du dich unbesiegbar“, sagt sie. 

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Wie findet man in den Flow? 

Je länger ein Lauf dauert, desto wahrscheinlicher ist es für Lowther, dass sich der Flow-Zustand einstellt. Wie so häufig muss man jedoch zunächst etwas investieren. 

In anderen Worten: erst die Mühe, dann die Muße. So erklärt es auch Dr. Coleman: 

„Wir verstehen ‚Flow‘ häufig als Inbegriff der Leichtigkeit. Dabei kostet es uns zunächst einmal Anstrengung. Erst wenn wir diese Anstrengung annehmen, können wir sie auch überwinden und im Flow ankommen.“ 

In diesem Sinne erinnert der Flow-Zustand an eine Insel. Auf dem Weg dorthin müssen wir Strapazen in Kauf nehmen – und von denen gibt es zu Beginn eines Rennens bekanntermaßen einige. Auf den ersten Kilometern laufen häufig die Nerven mit, es herrscht Gedränge, das potenziell irritieren kann, und wir sind eher versucht, unser Pacing und unser körperliches Wohlbefinden zu hinterfragen. 

„Der Kopf muss einiges mitmachen, besonders in der ersten Stunde“, so Lowther. 

„Aber wenn du lange genug unterwegs bist, kommen die Gedanken zur Ruhe“, fährt sie fort. „Du überwindest den Punkt, an dem dich ein kratzendes Etikett in deinem Laufshirt aus dem Konzept bringt oder deine Gedanken um die Zeit und das Ergebnis kreisen. Stattdessen kommst du ganz im Moment an. Du bist ganz bei dir und bei dem, was du tust.“ 

„Aber wenn du lange genug unterwegs bist, kommen die Gedanken zur Ruhe. Du bist ganz bei dir und bei dem, was du tust.“

Wenn sich dieses Gefühl einstellt, so Lowther, weiß man, dass es die Mühe wert war.  

„Manchmal verlässt mich die Motivation und das Laufen fühlt sich an wie eine lästige Pflicht, die ich hinter mich bringen muss“, erzählt Lowther. „Besonders, wenn ich mitten im High-Volume-Training stecke oder im tiefsten Winter oder strömenden Regen raus muss.“ 

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Zwischen Spontaneität und Struktur 

Am besten gelingt es Lowther, dieses Mindset zu durchbrechen, wenn sie unbekannte Umgebungen erkundet. 

„Ich finde leichter in den Flow, wenn ich an einem komplett neuen Ort laufe“, erklärt sie. „Während ich all die neuen Bilder, Geräusche und Gerüche erfasse, komme ich diesem Zustand näher.“ 

Als sie sich auf das Trailrunning zu konzentrieren begann – und dabei immer erfolgreicher wurde –, stellte Lowther fest: Unter dem Einfluss neuer Eindrücke setzt ihr Körper ungeahnte Kräfte frei. Wenn sie trainiert oder zu Läufen reist, spielt sich ihr Leben größtenteils im Van ab. Das gibt ihr die Gelegenheit, immer wieder neue Trails auf der ganzen Welt zu entdecken. Ein solcher Lebensstil ist jedoch kaum mit der strukturierten Routine vereinbar, die von Leistungssportler:innen erwartet wird. 

Vergangenen September vertrat Lowther Kanada bei den Berg- und Traillauf-Weltmeisterschaften in Canfranc-Pirineos, Spanien. Es war ihr erstes Mal an diesem Ort. Für das Wochenende vor dem Rennen hatte ihr Trainer einen zweieinhalbstündigen Lauf angesetzt. Doch der Reiz der fremden Landschaft war zu groß – Lowther lief einfach weiter. Und weiter.  

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„Ich suchte nach einer Verbindung zur Umgebung und fand jede Menge Gämsen, Kalksteinfelsen und mittelalterliche Ruinen“, erzählt sie. „Es war genau das, was ich gebraucht hatte.“  

Sechseinhalb Stunden später kehrte sie zurück. 

„Mir ging’s gut“, so Lowther. „Es war viel Powerhiking dabei und insgesamt nicht allzu anspruchsvoll.“ 

Mit ähnlichen Worten wollte die Läuferin damals vermutlich auch ihren Trainer besänftigen. „Er war nicht begeistert“, erinnert sie sich. „Aber auch nicht besonders überrascht.“ 

„Uns ist beiden bewusst, dass sich die Leidenschaft für den Sport nur aufrechterhalten lässt, wenn sich Struktur und Spontaneität die Waage halten“, fährt Lowther fort. 

„Uns ist beiden bewusst, dass sich die Leidenschaft für den Sport nur aufrechterhalten lässt, wenn sich Struktur und Spontaneität die Waage halten.“

Der Spontaneität gab sie sich schon vor den Weltmeisterschaften in Spanien hin, wo sie eine Woche später auf dem 80 Kilometer langen Long Trail den vierten Platz erreichte. Doch nicht jeder Tag lädt zur freien Entfaltung in idyllischen Landschaften. Lowther muss also kreativ werden: Mit den richtigen Tricks gelingt es ihr auch in vertrauter Umgebung, den Flow-Zustand hervorzurufen. 

Wenn ich meine übliche 10‑Kilometer-Runde hinter dem Haus laufe, überlege ich mir: Was wird dieses Mal anders sein?“, erzählt Lowther. Wen werde ich treffen? Sehen die Blätter anders aus?“ 

„Das klappt nicht immer, aber es schärft meinen Fokus und lässt mich meine Umgebung mit neuen Augen sehen. Daraus kann etwas entstehen“, erklärt sie. 

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Der perfekte Lauf 

Trotzdem sind Lowther die ungeplanten Tage am liebsten – ohne Trainingsprogramm und Herzfrequenzmesser. Und es sind auch diese Tage, die sie am ehesten in den Flow-Zustand führen. „Ich suche mir irgendwo einen Gipfel und lasse mich einfach treiben“, erzählt sie. „Wenn es sich gut anfühlt, mache ich mit dem nächsten weiter, und dann laufe ich, solange ich möchte. Das sind die Tage, die das Laufen ausmachen.“ 

An solchen Tagen, wenn alles stimmt und sich alles mühelos anfühlt, findet sie den „perfekten Lauf“, wie sie sagt. 

„Dann spüre ich dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit. Genau das gefällt mir an meinem Sport.“