Text: Andrew Bisharat | Fotos: Ian Dzilenski
Die Wind River Range in Wyoming brachte Amity dazu, sich über eine der ältesten Fragen des Kletterns Gedanken zu machen – und überraschte sie mit einer Erkenntnis.
Bei manchen Routen braucht es mehrere Generationen an Kletternden, bis sie befreit werden. Lange nachdem der erste Schlaghaken gesetzt und der Gipfel erstmals erreicht wurde, stellen diese Linien die Frage, die die Fantasie von vielen Kletter:innen beflügelt: Gibt es einen besseren Stil?
Die Lowe-Spark (5.13b/8a) am Haystack Mountain in der Wind River Range von Wyoming ist eine dieser Routen. Die 364 Meter lange Alpintour in feinkörnigem Granit ist keine bekannte Linie, hat aber schon einige große Namen der Szene angezogen.
Die Arc’teryx Athletin Amity und der Trainer des Arc’teryx Kletterteams Joel Unema haben sich im Juli 2025 die erste freie Teambegehung dieser 12-Seillängen-Tour geholt – über 56 Jahre nach der Erstbegehung im technischen Stil.
„Das war meine erste freie Teambegehung. Bisher war mein Ziel immer, alle Schlüsselseillängen selbst zu klettern“, sagt Amity. „Ich war megamotiviert, diese Route zu befreien. Noch beim Zustieg hätte ich niemals gedacht, dass wir sie in diesem Stil klettern würden.“
Der Stil einer Begehung war für Amity schon immer ein wichtiger Aspekt ihres Sports. Bei allen fünf freien Ground-up-Begehungen am El Capitan im Yosemite Valley ist sie alle Crux-Seillängen frei im Vorstieg geklettert. Eine härtere Gangart als der „Team-Free-Ascent“, bei dem jede Seillänge nur von einer Person der Seilschaft frei geklettert werden muss. Außerdem vermeidet sie viele Taktiken, die im Yosemite-Big-Wall-Klettern längst zum Standard geworden sind: Schlüsselstellen von oben auschecken und Seillängen tage- oder wochenlang an der Mini-Traxion ausbouldern, bevor ein Vorstiegsversuch gestartet wird. Vor allem gehört zu ihren ethischen Grundsätzen, dass sie ihre Herangehensweise und Taktik offen kommuniziert. In Zeiten, in denen immer mehr verkürzt wird, sticht so ein Ansatz wie der von Amity heraus.
„Ich war megamotiviert, diese Route zu befreien. Noch beim Zustieg hätte ich niemals gedacht, dass wir sie in diesem Stil klettern würden.“
„Ich liebe es, schwere Routen anzugehen, die zuerst einmal Furcht einflößend wirken. Linien, bei denen ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt klettern kann. Die harte Arbeit hineinzustecken, um die Selbstzweifel zu überwinden und mich selbst auf das Niveau der Route zu bringen, gefällt mir an diesem Ansatz“, erklärt Amity. „Ich wollte mich nie mit ‚ganz gut‘ zufriedengeben.“
Die Lowe-Spark brachte Amity allerdings dazu, ihren gewohnten Stil zu überdenken. Die Route hat zwei Schlüsselstellen: je eine 5.13b (8a) in den Seillängen 4 und 7. In der siebten Seillänge ist die Crux ein Längenzug, der stark von der Größe abhängig ist. Der größere Joel konnte die Griffe halten, während Amitys Spannweite leider nicht reichte.
„Für mich war das ein harter, dynamischer Move, bei dem einfach alles stimmen musste“, sagt Amity, die den Zug mehrmals versuchte und sich mit ihrem gesamten Körper über die glatte Platte warf. Sie war zwar überzeugt, dass sie den Zug irgendwann schaffen konnte – allerdings nicht in dem Zeitfenster, das die beiden angesetzt hatten.
Der Längenzug der 7. Seillänge (5.13b/8a).
„Die Entscheidung zu einer freien Teambegehung war nicht leicht für mich“, sagt Amity. „Es hat sich erst so angefühlt, als gebe ich mich mit einer ‚einfachen’ Lösung zufrieden. Ich habe aber auch festgestellt, dass es hauptsächlich mir persönlich wichtig ist.“
„Sie hat wirklich alles gegeben“, sagt Joel. „Sogar als sie sich damit abgefunden hatte, dass der Längenzug für sie zu weit sein könnte, hat sie es weiter probiert. Das ist einfach Teil ihrer Persönlichkeit.“
Sogar als sie nur noch einen Tag hatten, um die Route zu klettern, rang Amity weiterhin mit der Frage des Stils. Aber in der letzten Nacht unter dem weiten, sternenklaren Himmel legte sich ihre Angst vor Seillänge 7. Amity saß mit Joel und zwei Freunden um ein Lagerfeuer und briet Tortillas am Stock. Die freundliche, entspannte Atmosphäre begleitet von Röstaromen und dem Duft von Kiefernadeln sowie der ehrfurchtgebietende Präsenz derer, die schon vor ihnen da waren, beruhigte sie.
Im Schatten der Vergangenheit
Eingebettet in das Deep Lake-Gebiet der Wind River Range in Wyoming, thront der Haystack Mountain inmitten eines Kars aus beeindruckenden, schroffen Gipfeln – alle mit steil abfallenden, vertikalen Felswänden oberhalb der Baumgrenze. Ein mindestens dreistündiger Zustieg bringt einen in diese andere Umgebung, geprägt von gewaltigen Wänden, die hoch in den Himmel ragen und sich perfekt in glatten Seen spiegeln, die sich am tiefsten Punkt des Kars sammeln.
Die Wind River Range gehört zu den großen wilden Gebirgszügen Nordamerikas – imposant, weglos und weitgehend gleichgültig gegenüber den Menschen, die sie durchqueren. Dieses Land besitzt eine ganz eigene Zeitrechnung. Die Östlichen Shoshone und ihre Vorfahren nennen diese Berge seit Jahrtausenden ihre Heimat, lange bevor jemals der erste Haken in einen Fels geschlagen wurde.
Die Lowe-Spark folgt einer unterbrochenen Linie aus Platten, Rissen und Dächern in der Nordwand des Haystack. 1969 gelang Jeff Lowe und Geoff Heath die erste Begehung. Sie waren noch Teenager und brauchten drei ganze Tage. Sie hatten nur eine Hängematte dabei. Also schlief Lowe in einem Sitz am Standplatz, wobei zwei Schlingen seinen Rumpf aufrecht hielten. Ihre Ground-up-Besteigung war ein Mix aus hartem Aid-Klettern mit rudimentärem, selbst gemachtem Material und freiem Klettern von anspruchsvollen Platten mit weiten Hakenabständen.
In der damaligen Zeit war die Begehung ein echter Meilenstein. Lowe selbst sagt, dass er damals in Topform war. „Ich schreibe gerade meine eigene Geschichte“, hielt er fest. „Dabei teste ich meine Grenzen aus, obwohl technisches Klettern wahrscheinlich einfach und genauso schnell gewesen wäre.“
Die Begehung nahm das Vermächtnis vorweg, das Lowe in der Kletterwelt hinterlassen sollte – darunter über 1.000 Erstbegehungen weltweit und die Erfindung des modernen Mixed-Kletterns. Später kämpfte er 18 Jahre lang gegen eine seltene ALS-ähnliche neurologische Erkrankung, bevor er 2018 im Alter von 67 Jahren starb – allerdings nicht, ohne noch zu erleben, wie seine alte Route von der nächsten Generation frei begangen wurde.
Die Lowe-Spark fristete jahrzehntelang ein Schattendasein, bis der Trainer und Kletterlegende Steve Bechtel sie aus dem Dornröschenschlaf küsste. Er investierte einige Wochen, um Varianten zu finden, die frei kletterbar waren und setze ein paar Bohrhaken. Ein wichtiger Schritt in Richtung Rotpunktbegehung.
Im Jahr 2013 übernahmen Hayden Kennedy, Kyle Dempster und Justin Griffin das Staffelholz von Bechtel und brachten das Projekt weiter voran. Sie befreiten jede Seillänge bis auf den Aid-Move in der vierten Länge. Nach ihrer Begehung erklärte der extrem enthusiastische Kennedy die Lowe-Spark zu: „einer der besten alpinen Felsrouten in den USA!“
Im darauffolgenden Jahr fand der amerikanische Allround-Kletterer Josh Wharton eine Sequenz, um den letzten Zug frei zu klettern und eine komplette Rotpunktbegehung möglich zu machen. Doch leider mussten er und sein Partner aufgrund eines Gewitters abseilen, bevor sie die komplette Route durchgesteigen konnten. Damit wartete die Linie immer noch auf ihre Rotpunktbegehung.
Jeder dieser Versuche legte ein Scheibchen drauf und sorgte beim nachfolgenden Team für Staunen über das, was zuvor geleistet worden war. Justin Griffin brachte dieses Phänomen treffend auf den Punkt, als er schrieb: „Das Besondere an dieser Route ist, dass sie den Einsatz und die Visionen mehrerer Generationen miteinander verbindet.“
„Das Besondere an dieser Route ist, dass sie den Einsatz und die Visionen mehrerer Generationen miteinander verbindet.“
Griffin, Dempster und Kennedy zählten zu den weltweit versiertesten Alpinisten. Tragischerweise starben alle drei in den aufeinanderfolgenden Jahren 2015 bis 2017 bei unterschiedlichen tragischen Unglücken. Dies war eine der letzten Routen, die die drei Kletterer und Freunde gemeinsam angingen. Kennedy schrieb dazu: „Wir verbrachten zehn Tage in den Bergen, aßen Speck direkt aus der Gusseisenpfanne, tranken Whiskey und hatten eine gute Zeit. Wir haben uns in der Lowe-Spark komplett verausgabt. Vor allem aber spürten wir eine Verbundenheit, die weit über das Klettern hinausging.“
Der Begehungsstil beschreibt, wie eine Route geklettert wurde. Für manche Kletter:innen hat er aber eine größere Bedeutung. Das unermüdliche Streben nach stetiger Weiterentwicklung – jede Generation mit einem größeren Anspruch ans Freiklettern oder die Geschwindigkeit – wird für Kletternde unterschiedlicher Epochen zu einer Art spirituellem Netzwerk, das sie auf unerklärliche Weise miteinander verbindet.
Wharton trug den Staffelstab fast bis ganz nach oben, ließ jedoch Raum, um weiter zu gehen und es besser zu machen. Während einer Trainingseinheit erwähnte Wharton eines Tages die Lowe-Spark in einem Gespräch mit seiner Freundin Amity. Ihre Neugier war geweckt und die altbekannte Frage ließ sie nicht mehr los: Würde sie diese Route im bestmöglichen Stil klettern können, den ihre Fähigkeiten hergaben?
Nach ihrer Besteigung besuchten Kyle Dempster und Hayden Kennedy Jeff Lowe, um einen seiner Haken von dessen Erstbegehung zurückzubringen. Mini Mouse hat sich auch gefreut. Foto: Hayden Kennedy Collection. Ein Topo der Lowe-Spark mit Notizen von Amity.
Das Staffelholz weitertragen
Bei ihrem Durchstiegsversuch stieg Amity die erste Schlüsselseillänge vor – Joel fand diese 5.13b zu hart.
„Das war die 5.13b mit den wenigsten Griffen, die ich jemals gesehen habe“, erzählt er. „Deine Füße befinden sich ein paar Zentimeter über der Kante eines Dachs, während du auf einer ausgesetzten Platte querst. Es gibt nichts zum Festhalten. Nur ein paar Minikristalle für die Daumen. Es ist megaausgesetzt!“
Joel stieg im Gegenzug die zweite Cruxlänge mit dem herausfordenden Längenzug für Amity vor. Zusammen gelang ihnen die erste freie Teambegehung der Lowe-Spark – der bis dato konsequenteste Begehungsstil. Für Amity war das ein Kompromiss. Zu ihrer Überraschung merkte sie, dass ihr dieses Erlebnis mehr gab, als sie erwartet hatte. Die Route brachte sie dazu, ihren Begriff von einer Kletterleistung neu zu definieren. Und sie spürte eine Verbindung zu einer größeren Geschichte – einer Geschichte, in der sie und Joel stolz darauf waren, ihre eigene Spur zu hinterlassen.
„Wir hätten die Route niemals geschafft, wenn wir sie nicht als Team gemacht hätten“, sagt Joel. „Es war ein cooler Weg, eine historische Route zu befreien. Eine Verneigung vor einem Stil, kein Kompromiss.“
Kurz vor dem Ausstieg fand Amity einen kleinen Hex-Keil, der kalt und geduldig in der Wand steckte. Wahrscheinlich stammte er noch aus Jeff Lowes Erstbegehung von 1969. Sie nahm ihn mit nach Hause, wo er jetzt am Rückspiegel ihres Vans baumelt.
Seillänge 4, 5.13b (8a)
Diese kleine Geste steht stellvertretend dafür wie die Klettergeschichte lebt und weitergetragen wird – nicht in Führern oder Wettkampfergebnissen, sondern in den Bergen selbst. Mittels eines kleinen Ausrüstungsstücks, das vor Jahrzehnten von einem Teenager zurückgelassen wurde, der unmöglich wissen konnte, dass eines Tages jemand wie Amity an derselben Stelle klettern würde und derselben Wand dieselben Fragen stellen würde.
„Teil dieses unglaublichen Ortes, dieser Geschichte zu sein und diese Erfahrungen mit großartigen Menschen zu teilen“, sagt Amity, „das sind die Dinge, die wesentlich dazu beitragen, dass Klettererfolge überhaupt eine Bedeutung haben. Es ist cool, immer wieder daran erinnert zu werden.“