Kumtor’s Weißes Gold | Johannes Hoffman in Kirgistan

Text: Johannes Hoffman.

Die Fakten über Kumtor, Kirgistan’s größter Goldmine, sind beeindruckend, haben aber reichlich wenig mit Skifahren zu tun. Kumtor liegt 4100 Meter über dem Meer, fördert 500,906 Unzen Gold pro Jahr, schafft 2600 Arbeitsplätze, erbringt 12% der kirgisischen Wirtschaftsleistung, stellt 15% der gesamten Steuereinnahmen des Landes und 50% des gesamten Exports. Die Tatsache, das Kumtor eine der höchstgelegenen Minen der Welt ist und sich weit in die Gletscherregion des Ak-Shirak hinein gräbt, macht diesen Platz auch für Leute wie uns attraktiv. 

Jetzt stehen wir hier, auf dem Kiesrand einer gut präparierten Straße mitten in den Tien-Shan Bergen – und können unseren Augen kaum glauben: Vor uns breitet sich ein Bergpanorama mit imposanten Steilhängen, messerscharfen Eisflanken, weiten Gletscherfeldern und unberührten Schneebändern aus. Unterhalb dieser vielversprechenden Lines befindet sich eine große, klaffende Wunde in der Landschaft: Kumtor. Massive, weiße Gänge ziehen sich durch Eis und Fels, wie eine Spirale in die Tiefe gebohrt. Unterhalb des schneebedeckten Geländes befinden sich imposante Lastwagen mit Schutt und riesige Geröllhaufen, die neben einem großen, vergifteten See liegen. Hier lagern die chemischen Abfallprodukte der Goldproduktion. Umweltschützer nennen diesen See eine “tickende Zeitbombe”.

Die Mine stimmt uns nachdenklich. Wir sehen sowohl die positiven als auch die negativen Konsequenzen für die Menschen und die Natur. Die Infrastruktur, die es uns ermöglicht in diese abgelegene Region vorzudringen ist beeindruckend, aber unsere Bemühungen, die Erlaubnis zu bekommen, diese faszinierende Region zu betreten, enden abrupt am Eingang der Mine. Das weiße Gold von Kumtor wird unberührt bleiben.

Camp I | Auf einem Pulverfass

Plan B. Wir fahren lange Zeit auf einer einsamen Straße weiter in Richtung Süden, bevor wir an einer verlassenen Brücke anhalten. Wir fellen an und laufen zwei Stunden lang durch die einsame Bergwelt. Vor uns erheben sich riesige Felswände. Der Talschluss ist von zwei Moränen geteilt. Müde, aber glücklich, die schreckliche Mine hinter uns gelassen zu haben, errichten wir hier unser Camp. Plötzlich ertönt ein explosives Geräusch in der Stille der Natur. Schwarz-gelbe Rauchwolken bedecken den Himmel. Die unheimliche Mine ist noch immer präsent, aber das Kumtor-Plateau entschädigt uns mit dem Blick auf einen friedlichen Sonnenuntergang.

Eine imposante Nordwand in einem der Täler erregt unsere Aufmerksamkeit. Mitten in einem flachen Gletscher ragt eine Wand 400 m empor – wie eine Trennwand zwischen den benachbarten Gletscherzungen. Auf der Ost- und Nordseite sehen wir riesige, selbstausgelöste Schneebretter. Wir gehen um die Wand herum und wagen einen ersten Blick auf die Schneedecke. Unsere Befürchtungen bestätigen sich: Auf eine instabile Schicht aus Bruchharsch mit eingeschlossenen, lockeren Eiskörnchen hat sich wie ein Schleier eine 30 cm dicke Neuschneeschicht gelegt. Der gefährliche Schwimmschnee, eine 60 cm dicke Schicht, bedeckt das blanke Gletschereis. Das verheißt nichts Gutes. Eine nähere Betrachtung festigt unsere Zweifel. Selbst wenn die steileren Passagen sicherer aussehen, bleibt ein Restrisiko am Ausläufer und in den flacheren Bereichen. Aber wir können hier draußen kein Risiko eingehen. Desillusioniert laufen wir zurück zum Camp und schmieden alternative Pläne.

Neuer Tag, neues Glück. Südlich unseres Camps trennt ein langer Bergkamm das benachbarte Tal von dem Hochplateau. Wir wagen es, ein paar flachere Hänge zu fahren, um die Stabilität des Schnees zu testen. Fabi fährt eine Rinne, die sich wie ein “S”  durch die Felsen schlängelt. Der Schnee staubt, die Ski kratzen über den Untergrund und seine Kleidung flattert. Aber die Schneedecke bleibt friedlich. Johannes wagt den ersten Einstieg in eine steile Eisflanke, die wie ein großer Trichter aussieht. Um dem Sluff zu entkommen, stoppt er vor einem engen, steilen Abschnitt. Der lockere Schnee rauscht an ihm vorbei. Mehr passiert nicht. Motiviert und mit einem guten Gefühl steigen wir weiter in das Tal hinein auf. Als die Hänge westwärts in das Hochplateau übergehen, fallen die Osthänge steil und herausfordernd zur Gletscherzunge hin ab. Nach langem Betrachten hat Mitch seine Line gefunden. Wir machen uns bereit. Kickoff. Er fährt durch eine steile Rinne auf einen eisigen Rücken, zieht weiter dynamische Schwunge entlang der Kante, bevor er schließlich in die Eiswand einfährt. Er stoppt auf einem kleinen Vorsprung, um den sausenden Sluff vorbeizulassen. Dann nimmt er mit High-Speed die Verfolgung auf. Der weiße Sluff rast wie eine Welle am gegenüberliegenden Hang empor. Mitch jagt mit vollem Tempo über die Gletscherzunge. Der Anspannung folgt Erleichterung. Was für eine Line. Was für eine Fahrt. Was für ein Tag!

UAZ Hunter | Russischer Eisbrecher

Am folgenden Tag brechen wir wegen aufziehender Gewitterwolken unsere Erkundungen ab. Wir entscheiden uns dafür, für zwei entspannende Tage zurück nach Lake Issykul zu fahren und uns dort optimal auf das nächste Wetterfenster vorzubereiten. Auf dem Rückweg kämpfen wir mit der Tankfüllung. Unser Auto, ein russisches Off-Road-Fahrzeug mit dem Namen UAZ Hunter, ist ein relativ neues Modell – allerdings mit einigen bedeutenden Mängeln: quietschende Scheibenwischer, undichte Türen, eine katastrophale Heizung und Klimaanlage, lose Sonnenblenden, ein kaputter Öffnungsmechanismus der Motorhaube und – das Schlimmste an der ganze Sache – ein falsch eingestellter Tacho und Kilometerzähler sowie eine fehlerhafte Tankanzeige. Ohne Wissen über den Verbrauch, die verbleibende Treibstoffmenge oder die Anzahl der gefahrenen Kilometer beginnt eine nervenaufreibende Suche nach einer Tankstelle. Aber – wie sich noch herausstellen wird – können wir den entscheidenden Fähigkeiten des Autos vertrauen: Robustheit, Geländegängigkeit und Zuverlässigkeit.

Camp II | Feuerwerk auf Ski

Auf dem Weg zurück zum Camp merken wir, dass die Temperatur deutlich angestiegen ist. Drei von uns stapfen zu Fuß durch aufgeweichte Schneefelder, Bachläufe und matschige Wiesen. Joi und Fabi versuchen mit dem Auto weiterzukommen. Eine Stunde später erreichen sie schließlich das Camp. Joi, erschöpft aber erleichtert, erzählt uns von ihrem Höllentrip. Trotz der ungünstigen Wetterbedingungen konnten sie unsere Zelte nach einem einstündigen Fußmarsch erreichen. Sie haben alles aus dem Off-Road-Fahrzeug rausgeholt, aber Joi ist sich nicht wirklich sicher, ob wir es wieder zurück zur Straße schaffen.

Wir konzentrieren uns auf die noch unbefahrenen Lines. Wieder ist die herausfordernde Nordwand unser Ziel. Fabi und Mitch klettern auf eine Schulter auf der Westseite direkt zum Einstieg in das Face – und Fabi demonstriert uns mal wieder seine Definition vom Skifahren. Nach zwei Schwüngen quert er die steilste Stelle der Wand mit einem riesigen, gedrifteten Turn, kontrolliert das Tempo kurz in dem weicheren Schnee und schießt mit High-Speed zum Fuß der Wand. Unfreiwillig toppt Mitch Fabis Performance mit noch weniger Schwüngen. Beim dritten Schwung verliert er den Halt an der Rückseite seines Boards und schießt wie ein Komet mit Schweif 2/3 der Wand hinunter. Zum Glück kann er sich im weicheren Abschnitt stabilisieren und den Rest der Abfahrt fortsetzen.

Wir verbringen die letzten Skitage unseres Trips auf der langen Rückseite des Bergs. Fabi seilt sich über eine Wechte in einen steilen Hang ab, klettert die letzten 40 m unterhalb der Wechte zum Einstieg und fährt seine Line kraftvoll und harmonisch. Als er merkt, dass sein geplanter Durchlass nicht befahrbar ist, plant er um und quert über ein felsiges Stück zu einer schmalen Trasse. Aufgrund der unterschiedlichen Temperaturen innerhalb der Schneedecke bricht Fabi plötzlich ein, verliert die Balance und stürzt über die Felsen. Ein Glück, dass ihn der Schnee unter den Felsen weich auffängt.

An diesem Tag kehren wir von Freude erfüllt zum Camp zurück. Dennoch liegt der schwierigste Teil unserer Reise noch vor uns. Wie sollen wir unseren UAZ Hunter zurück auf die Straße bringen? Aufgrund des warmen Wetters hat sich der Untergrund weiter verschlechtert. Die Bäche sind angeschwollen, die Wiesen aufgeweicht und die Eisplatten habe ihre Stabilität verloren. Gerade so (aber besser als erwartet) schaffen wir es nach zwei Stunden unser voll beladenes Geländefahrzeug durch Wasser, Geröll und Eis zurück auf die Straße in Richtung der Goldmine zu bringen. Erschöpft aber glücklich schauen wir ein letztes Mal zurück auf Kumtor – diese riesige, schrecklich faszinierende Wunde in diesem alpinen Plateau.

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Schauen Sie den Trailer des neuen Films Searching for Gold von White Room Productions, der in diesem Winter 2018 auf Tour geht.

Searching for Gold – Trailer von Whiteroom Productions on Vimeo.