Die Höhen und Tiefen einer 36-tägigen Skitour quer durch die Alpen

Text & Fotos: Janelle und Mark Smiley

Nach dem Red Bull Der Lange Weg, einer 36-tägigen Skidurchquerung in den Alpen, sind Mark und Janelle Smiley wieder wohlbehalten Zuhause. Nachdem sie ein paar Tage lang Schlaf nachgeholt hatten, haben wir das Paar gebeten, einige der Höhepunkte und Tiefpunkte ihres Abenteuers mit uns zu teilen. Lesen Sie hier „seine & ihre“ Auswahl.

Mark:

Ich habe gerade die härteste körperliche Herausforderung meines Lebens überstanden – eine Skitour quer durch die ganzen Alpen. Zusammen mit fünf internationalen Athleten und meiner Frau Janelle habe ich die 36-tägige Jagd durch die Berge, auch RedBull Der Lange Weg genannt, durchgezogen. Startpunkt war ein kleiner Ort in der Nähe von Wien; das Ziel im französischen Nizza, läppische 1710 km entfernt. Für die Tour haben wir insgesamt 375 Stunden in Bewegung verbracht – die Hälfte davon mit höllischen Schmerzen. Die Inspiration für diese Tour kam von vier Österreichern, die diese Strecke 1971 in 41 Tagen bewältigt hatten. Unser Ziel war es, diese Leistung zu toppen. Zusätzlich wollten wir versuchen einige der bedeutendsten Gipfel entlang der Strecke zu besteigen, zum Beispiel den höchsten Berg in Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich. Fremde Teamkollegen, eine große Herausforderung und uns unbekanntes Gelände – alles Zutaten für ein echtes Abenteuer!

Das erste, große Highlight erlebten wir am 11. Tag, als wir Österreich hinter uns ließen und Italien begrüßten. Direkt an der Grenze, nach einem sehr langen Tag auf Ski, standen wir plötzlich an einer messerscharfen Felskante, 300 m oberhalb eines flachen Gletschers. Die Sonne ging langsam unter und es gab keine klare Linie nach unten. Das war das erste Mal, dass ich meine “Bergführertricks” anwenden musste, um der Gruppe mit ein paar Fertigkeiten am Seil und beim Setzten von Haken die steile Abfahrt herunterzuhelfen. Anschließend fuhren wir im glühenden Licht der untergehenden Alpensonne in entspannten Schwüngen über den sanft abfallenden Gletscher. Irre!

Bergführertricks im Einsatz.

Ein weiteres Highlight war, Janelle mit der Herausforderung der Überdosis männlichen Egos in der Gruppe umgehen zu sehen. Nicht einmal hat sie die Ruhe verloren oder irgendjemanden angemotzt. Sie ist ein Engel, das weiß ich. Ich bin so stolz, mit der ersten und einzigen Frau verheiratet zu sein, die mit Skiern quer durch die ganzen Alpen getourt ist.

Das Power-Paar.

Diese Erfahrung hat die Latte dessen, was ich für möglich halte, höher gelegt. Bisher dachte ich, eine Skitour mit 3000+ Höhenmetern ist eine echt große Sache. Die neue Zahl liegt bei 4500 Höhenmetern. Ich dachte, ein 8-Stundentag in den Bergen ist ziemlich lang. Jetzt denke ich das von 14 Stunden. Mein Körper weiß, was es bedeutet unter Schmerzen weiterzugehen. Das ist ein Gefühl, dass in keinem Buch gelehrt werden kann. Man muss es erleben. Ich habe tagelang mit dem Gefühl gelebt, aufhören zu wollen. Ich habe mir physischen Schaden gewünscht, damit ich einen guten Grund dafür hätte. Aber dennoch nicht aufgeben. Diese geballte Dosis Selbsterfahrung bekommt man wahrscheinlich nur bei einem Unternehmen in dieser Größenordnung – man erfährt es jeden Tag, jede Stunde, bei jedem Schritt. Man lebt in einem Zustand, in dem man nur diese eine Sache tut…weitergehen. Und das tat ich. Weiter, weiter… immer weiter. Die ständige Wiederholung führte dazu, dass die täglichen Distanzen und Höhenmeter, die anfangs enorm wichtig gewesen waren, aufhörten eine Rolle zu spielen. Wir würden gehen, bist wir unser Tagesziel erreicht hatten – und dann vielleicht noch ein Stück, um dem Zeitplan ein “Stück voraus” zu sein. Der ständige Nachteil der Sache ist, dass es physisch schmerzt – sehr sogar.

Aufbruch im Morgengrauen.

Morgens war es am schlimmsten, aufstehen ein Alptraum. Ich fühlte mich wie ein Hundertjähriger, wenn ich von meinem Bett oberhalb des Fahrersitzes kletterte. Mein Gesicht war geschwollen, meine Muskeln schwer wie Blei und meine Gelenke schmerzten. Bei Janelle war es ähnlich. Wir Frühstückten still, jeder mit starrem Blick, und fragten uns, wie wir einen weiteren Tag überstehen sollen.

Dieser starre Blick.

Während der ersten zehn Tage unserer Tour wurden fast alle Diskussionen zur Routenwahl auf Deutsch geführt. Wir sprechen null Deutsch. Wir hörten nur unbekannte Worte, standen daneben wie Haustiere bis irgendjemand sagte: “Auf geht’s”. Dann liefen wir weiter – sehr schnell. Schneller als ich dachte, dass es gut ist, wenn wir noch 40 weitere Tage in Folge durchhalten wollen. Mich stresste der Gedanke ausgebrannt zu sein und eine Pause zu brauchen. Meine Bedenken stießen auf taube Ohren, so dass ich nur zwei Optionen hatte: die Herausforderung annehmen oder aussteigen. Das war eine bittere Pille, die ich schlucken musste.

Ein weiteres Tief war das Risiko, das wir akzeptieren mussten, um diese Durchquerung möglich zu machen. Es ist nicht gut, wenn man bei der Beurteilung der Lawinensituation von externen Faktoren unter Druck gesetzt wird, die Aktionen legitimieren, wie „Wenn wir nicht über diesen Pass gehen, müssen wir sehr viel weiter drum herum gehen.“ oder „Plan B ist umdrehen und damit schaffen wir die Strecke nach Nizza nicht in 40 Tagen.“ oder „Die Wohnmobile stehen schon im nächsten Ort bereit, also müssen wir dort hingehen.“ Eine zusätzliche Herausforderung war das riesige, unbekannte Gelände. Gelegentlich hatten wir einen Einheimischen, der uns dabei half die bestmögliche Route zu finden, aber die meiste Zeit waren wir dazu gezwungen Entscheidungen zu treffen, wenn sie anstanden – nur mit dem Material, das wir dabei hatten. Manchmal funktionierte das hervorragend und manchmal machten wir Fehler, die uns in Gefahr brachten, indem sie uns zwangen das Risiko anzunehmen oder umzudrehen. Wenn unser Ermüdungszustand groß war, akzeptierten wir das Risiko häufiger. Das war Realität.

Möglicherweise brachte uns die Summe aller Bemühungen – wie durch ein Wunder – zum Ziel. Das Erfolgsgefühl, das ich empfinde, ist unbeschreiblich. Und ich liebe es. Es erfüllt mich immer mit einem Hochgefühl, vor einer scheinbar unmöglichen Herausforderung zu stehen und zu denken: „Mache es“. Es ist irre, auf eine Karte zu schauen und unsere mehr als 1700 km lange Route zu betrachten, die durch einen Großteil des europäischen Kontinents führt. Dann denke ich: “Wow, das habe ich geschafft… Wahnsinn.”

Irgendwo in den Alpen.

Janelle:

Die erste Woche unseres Abenteuers war ein totaler Wirbelsturm. Die physische Belastung, das Team, das Gefühl, nicht zu wissen, was uns erwartet – alles musste sich erst einspielen. Unser Team, das sich vor der Tour nur ein einziges Mal für ein Briefing getroffen hatte, bestand aus sieben Ausdauerathleten mit unterschiedlichem Background und aus unterschiedlichen Kulturen. Wir alle hatten verschiedene Fähigkeiten, Erfahrungen und eine unterschiedliche Risikotoleranz. Vier der sieben Teammitglieder sprachen deutsch – wie auch der Eventkoordinator und alle österreichischen Helfer für die Routenplanung. Das machte es für uns drei, nicht deutsch sprechenden Mitglieder der Gruppe noch schwieriger. Es ist immer leichter in der Muttersprache zu sprechen, deshalb wurde am Anfang die gesamte Kommunikation auf Deutsch geführt – was zu den meisten Konflikten innerhalb der Gruppe führte.

Die Routenplanung war die komplizierteste Aufgabe, weshalb wir die Strecke in vier Sektionen unterteilten und für jeden Streckenabschnitt ein Führungsteam bestimmten. Die ersten beiden Routenplaner kamen aus dem Skitouren-Wettkampfsport, was zu Beginn der Durchquerung zu einem wettkampfmäßigen Tempo führte. Es gab keine Zeit zu pinkeln, keine Zeit Klarheit zu gewinnen, keine Zeit auf eine Karte zu schauen, keine Zeit für Sicherheit, keine Zeit den Plan zu übersetzten. Ich weiß noch immer nicht, wie wir diese ersten Tage überstanden haben. Es war wirklich hart und hat mir alles abverlangt, nicht auszusteigen. Aber irgendwie habe ich es geschafft, jeden Tag von neuem weiterzugehen. Zum Glück konnten wir nach der ersten Woche als Team miteinander sprechen und endlich das Tempo anpassen, die Sprachbarriere überwinden und das Risikomanagement verbessern.

Wissen Sie, wenn Janelle denkt, das Tempo ist zu hoch, dann ist es definitiv ZU HOCH.

Ein anderer Tiefpunkt kam am 21. Tag. Wir verließen Zermatt vor Sonnenaufgang mit dem Plan es bis Bourg-Saint-Pierre zu schaffen. Das bedeutete, den größten Teil der beliebten Haute Route an einem Tag zu gehen. Ich hatte einen Schnupfen, aber meine Beine fühlten sich ok an – und es gab sowieso keine Alternative zum Weitergehen, da bei dieser Durchquerung keine Ruhetage eingeplant waren. Wir wussten, dass ein Sturm aufkommen sollte und wir liefen schnell, um möglichst viel der Strecke hinter uns zu bringen, bevor es losging. Aber schon mittags kämpften wir uns durch ein Whiteout mit extrem starkem Wind. Ich fühlte, dass die Erkältung schlimmer wurde und sich die Schwäche in meinem Körper ausbreitete. Nachdem wir 15 Stunden unterwegs waren und die letzte Kraft in meinen Beinen komplett verbraucht war, erreichten wir eine „No Fall-Abfahrt“ mit überfrorenem Gebröcksel. Ich musste meinen ganzen Willen aufbringen, nur um zu überleben. Es ist erstaunlich, wie viel noch in einem steckt, wenn man das Gefühl hat, dass nichts mehr geht.

Janelle kämpft sich durch ALLE Wetterbedingungen.

Die Tage zwischen den wirklich harten bestanden aus einer Mischung aus Emotionen und wunderbaren Momenten. Wenn ich es schaffte, die Gruppendynamik beiseite zu schieben, konnte ich in die Berge schauen, ihre Schönheit in mich aufnehmen und dem Wolkenspiel zugucken. Ich konnte den kalten Wind auf meinem Gesicht fühlen – und das bewirkte, dass ich mich lebendig fühlte und “Happily Lost”. Ich konnte beim Aufstieg einen Rhythmus finden und die Stunden verstrichen in völliger Ruhe. Wir fuhren durch alle Schneebedingungen – und ich meine wirklich ALLE Schneebedingungen! Wir sahen die Sonne auf- und untergehen, waren 10-15 Stunden pro Tag unterwegs und haben kaum eine Menschenseele getroffen. Wir sind durch kleine Dörfer gelaufen, während alle Einwohner noch schliefen. Statt der Menschen haben wir die Architektur und den Charakter eines jeden Hauses in der jeweiligen Kultur betrachtet. Ich habe gelernt wie ich meine Limits pushe, wie ich ein guter Teamplayer und wie stark die Kraft der Stille sein kann. Die Berge, die ich am Morgen in der Ferne erkennen konnte, waren die Selben, auf denen ich am Abend stand. Die Distanzen, die wir jeden Tag überwanden, waren beachtlich und inspirierend. Wir tourten durch Täler, über Pässe, Gipfel und entlang von Rücken. Wir liefen durch Weinberge, vorbei an Schlössern, entlang von Kanälen und Straßen. Oh, und die Kalorienmenge, die wir zu uns nehmen mussten, war unglaublich. Ich konnte essen was ich wollte und so viel ich wollte. Zwei oder drei Stücke von einer Bäckerei auf einmal – kein Problem. Ich nenne es das “Alpenüberquerungs-alles essen-Gewicht verlieren-Programm”.

Der Glücksmoment, der am meisten heraussticht, ist der Augenblick, in dem ich über den letzten schneebedeckten Berg stieg und das erste Mal das Meer sehen konnte. In diesem Moment, bevor die anderen ankamen und ich ganz alleine dort oben stand, fühlte ich, wie eine Kombination aus Frieden, Zufriedenheit, Freude und Ungläubigkeit in mir aufwallte. Ich war überglücklich. Wir hatten es geschafft! Ich hatte wirklich Zweifel, ob ich diese Durchquerung schaffen würde – deshalb war es ein echtes Abenteuer und das machte den Moment des Ankommens so viel wertvoller.

Das Ziel in Nizza, Frankreich.

Schauen Sie das Video und sehen Sie HIER mehr vom Red Bull Der Lange Weg.

Folgen Sie dem Abenteuer von Janelle und Mark auf Instagram: @janelle.smiley and @smileysproject.