CHARAKTERE | Silvia Moser

Text: Jill Macdonald.

Ende Februar, im Norden von BC. In einem geliehenen SUV, vollgestopft mit Ausrüstung, Reiseproviant, Ski und Freridern, döst die italienische Skifahrerin Silvia Moser vor sich hin, betäubt vom Jetlag nach dem Flug von den Dolomiten nach BC.  Über ihrer rechten Schläfe befindet sich eine kahle, runde Stelle, teilweise versteckt von ihrem schönen, langen, dunklen Haar.

Alopezie ist ein Haarausfall, der durch ein schwaches Immunsystem entsteht. Er tritt häufig im Zusammenhang mit Stress auf und kann irreversibel sein. Manchmal spiegelt der Körper unsere Geschichte wider.

Silvia kam nach BC, um sich von einem schwierigen Jahr zu erholen. Sie hat vier gute Freunde bei verschiedenen Unfällen verloren und daraufhin beschlossen, nicht mehr bei der Freeride World Tour zu starten – eine weitreichende Entscheidung für eine junge Freeriderin, deren Stern gerade aufging.

Skifahrer, die Freunde verlieren oder nicht mehr bei Wettkämpfen starten, sind nichts Ungewöhnliches. Es gehört dazu. Allerdings ist die persönliche Seite dieses Lebens für manche schwieriger wegzustecken. “Ich hatte keine Motivation mehr. Keine Freude. Ich wollte nicht, dass meine Freunde noch irgendetwas unternahmen. Kein Klettern mehr, kein Skifahren, nichts mehr vor laufender Kamera.” Professionelle Outdoor-Athleten müssen oft und früh dem Tod ins Auge sehen. Mit 27 Jahren stellt Moser den Weg, den sie gegangen ist und das Business dahinter in Frage.

Foto: Ange Percival

In ihrer Heimatstadt Cortina säumen edle Geschäfte die Straßen der Innenstadt. Cortina ist das Rom der Alpen. Moser ist das Gegenteil davon. Sie ist stark und unkompliziert, lebendig, wie Basilikum. Ein Familienmensch. “Ich liebe Essen, ich liebe Menschen. Aber im Moment bin ich mir nicht sicher, ob es eine gute Sache ist, Kinder in die Welt zu setzten. Diese Gedanken machen mich sehr traurig.”

Silvia bei der Vorbereitung ihrer Spezialität – Basilikumpesto mit Gnocchi. Foto: Robin O’Neill.

Eine ganze Menge gebrannter Mandeln und mehrere Süßigkeiten-Tüten später fährt der SUV noch immer Richtung Nordwesten. Draußen nimmt uns ein arktischer Sturm mit schrecklich kaltem Wind und staubtrockener Luft die Illusion vom legendären BC Powder. Menschenleere, mit einer Eisschicht überzogene Highways gehen in weitere menschenleere, eisige Highways über. Das Thermometer zeigt -27 °C. Moser’s Trip soll eine Heilung durch Abenteuer werden.

Foto: Ange Percival

“Es gibt ein italienisches Wort dafür, was Schnee macht; etwas wie “dämpfen” oder still machen.” Es wäre nicht das erste Mal, dass Siliva das erlebt. Im Basecamp des Teams in Brucejack, 45 Helikopterminuten außerhalb von Stewart, BC, ist es brutal kalt (-40 °C mit Windchill). Skifahren ist kaum möglich und der Wind bläst ständig. Er tobt von allen Seiten. In der Abenddämmerung stopft Silvia Handwärmer in ihren Schlafsack, krabbelt in ihr Zelt und wartet auf Tageslicht.

Vier Tage später sind massive Schneefälle vorhergesagt. Das Team muss sich entscheiden: Auf den Schnee warten und es riskieren 3-5 Tage länger als geplant im Basecamp festzusitzen oder am kommenden Morgen mit dem Helikopter rauszufliegen. Alle frieren, sind müde und von den Wetterbedingungen zermürbt. Aber sie wollen diesen Powder. Falls der Helikopter sie wegen des Windes oder der schlechten Sicht nicht abholen könnten, gäbe es nur noch die heroische Möglichkeit mit Skiern rauszufahren – und das meiste der Ausrüstung zurückzulassen. “In Europa gibt es keine Wildnis wie hier.” Moser’s Zehen sind erfroren, Erfrierungen zeichnen dunkle Stellen auf Nase und Backen und ihre Augen spiegeln den Schlafmangel wider.

Behandlung gegen die Erfrierungen. Foto: Ange Percival

Wenn der Akku leer ist, kommt das an die Oberfläche, was wir wirklich brauchen und lieben. Die Oberflächlichkeiten des Lebens werden ersetzt durch das gute Gefühl zu wissen, wen wir lieben und der Erkenntnis, dass wir nicht viel brauchen. Das Team tritt den Rückzug an.

Plan B. Es ist wichtig einen Plan B zu haben und flexibel genug zu sein, sich auf veränderte Bedingungen einzulassen. Plan B wird schnell zusammengestellt – und hält, was er verspricht. An dem Morgen, an dem es losgeht, beginnt es zu schneien. Stewart verwandelt sich in eine gemütliche, einladende Stadt und die Berge werden still.

Spuren der Erfrierungen und ein strahlendes Lachen im Gesicht. Foto: Robin O’Neill photo.

Die legendären Schneefälle im nördlichen BC enttäuschen uns nicht. Silvia taucht in die schwerelose Freude ein.

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Schauen Sie das Video von Silvias Trip nach Stewart, BC, an: