Ein Sommer im Norden

Text & Fotos: Michael Overbeck

Ich habe diesen Trip schon so lange geplant, wie ich denken kann. In der dritten Klasse mussten wir einen Text über unseren Lieblingsplatz schreiben. Obwohl ich bis dahin noch nie außerhalb von BC oder Alberta war, entschied ich mich dafür, über Alaska zu schreiben. Der Grund, warum ich über Alaska als meinen Lieblingsplatz schrieb, war folgender (Bedenken Sie, dass ich damals acht Jahre alt war.): “Ich habe mich für Alaska entschieden, weil es dort viele Berge und Seen gibt. Ich wünsche mir, viel Zeit meines Lebens dort zu verbringen, weil es an diesen Orten so friedlich aussieht und es so viel Natur gibt. Ich weiß schon, dass mein Lieblingsplatz in der Natur sein wird. Ich liebe die Natur.”

Wenn ich diesen Ausschnitt aus meinem Text lese, den ich vor 14 Jahren geschrieben habe, dann klingt viel Wahrheit daraus. Er zeigt, was meine Leidenschaften sind und warum ich mich darum bemühe, diesen Leidenschaften treu zu bleiben. Heutzutage leben wir in einer so schnelllebigen Gesellschaft, dass es leichter fällt als jemals zuvor, sich von der Natur abzuwenden. Für mich war dieser zweimonatige Roadtrip wichtig, um das Leben wieder auf das Wesentliche zu reduzieren: In meinem Bus schlafen, jeden Tag laufen & wandern, Fotos machen und unterwegs neue Leute treffen.

An einem viel zu frühen Morgen packte ich meine Sachen in Whistler in den Bus und startete die lange Reise nach Dawson Creek, wo meine Reise richtig losging… Kilometer 0 des Alaska Highways. Dort tankte ich, machte ein paar Fotos von Kilometer 0 und fuhr weiter nach Norden.

Kilometre 1034 – Nachdem ich Dawson Creek verlassen hatte und auf dem Alaska Highway unterwegs war, merkte ich sofort, wie sich die Landschaft anfing sich zu verändern. Am ersten Tag sah ich 24 Bären, einen Kojoten mit einem Vogel im Maul und mehr als 50 Bisons. Leider knallten ein paar Vögel gegen meine Windschutzscheibe (sorry). Ich hatte sofort das Gefühl, in einem wilderen Land zu sein.

Kilometre 2544 – Nachdem ich bei warmem Wetter und blauem Himmel in Haines Junction angekommen war und mir 20 Stunden Sonnenlicht zur Verfügung standen, machte ich einen Lauf zum Kings Throne, der oberhalb des Kathleen Lake thront.

Kilometre 2698 – Bevor es weiter nach Westen ging, entschied ich mich dafür, ein Stück weiter nach Süden in Richtung Haines, AK, zu fahren. Genau zwischen den Grenzen von Yukon & Alaska liegt ein schmaler Streifen von BC in dem sich der Tatshenshini-Alsek Provincial Park befindet. Ein älteres Ehepaar auf einem schmutzigen Stück Land erzählte mir von einer alten Bergbaustraße, die bis hoch zum Samuel Glacier führt. Ohne groß zu wissen, wie diese Gegend aussieht, lief ich die 11 km lange Straße entlang und entdeckte zu meiner Überraschung einen der schönsten Plätz, die ich je gesehen habe. Saftige Wiesen, kleine Flüsschen, Gletscher und rundherum hohe Gipfel. Ich ermahnte mich, spätestens um 20 Uhr zurückzulaufen, damit ich noch genug Tageslicht zur Verfügung hätte. Aber selbst um 22 Uhr konnte ich mich nicht von diesem Ort trennen. Ein Ort ist besonders, wenn man sich Monate später noch dabei ertappt, dass die Gedanken täglich in diese Landschaft reisen.

Kilometre 3373 – Ich habe es nach Alaska geschafft. Hier gibt es nichts als Wildnis, Berge, Gletscher und ziemlich viel Regen.

Kilometre 3582 – Der Raven Glacier. Mein erster Lauf in Alaska. Er hat mich nicht enttäuscht.

Kilometre 3723 – Nach ein paar Tagen rund um Anchorage, fuhr ich nach Süden in Richtung Seward, wo sich das Harding Icefield befindet. Da ich meine gesamte Zeit in Alaska bisher in Regen und Wolken verbracht hatte, wagte ich nicht zu hoffen, viel zu sehen. Ich erreichte den Aussichtspunkt auf das Icefield nach einem 8 km Trailrun und wurde von Wolken und einigen Flecken blauen Himmels begrüßt. Nach diesem erfolgreichen Lauf fuhr ich zurück in Richtung Seward, um einen guten Platz zum Campen zu finden. Ein paar Minuten weiter unten stieß ich auf einen kleinen 4×4 Trail, der zu einem ausgetrockneten Flussbett führte. Nach einer kurzen Strecke bemerkte ich in einiger Entfernung einen Grizzly. Nachdem er angehalten und mich beobachtet hatte, flüchtete er sofort zwischen die Bäumen. Hier oben ist mir aufgefallen, dass – im Gegensatz zu Zuhause – die meisten Tiere nichts mit Menschen zu tun haben möchten.

Kilometre 4065 – Der letzte Ort, den ich in Alaska besuchen wollte war Hatchers Pass im Talkeetna-Gebiet, nördlich von Anchorage. Ich hatte gehört, dass es hier etwas ruhiger ist als an vielen anderen, nahegelegenen Orten. Ich war von dieser Gegend total begeistert. Hier gibt es runde, grüne Hügel, Straßen, die bis in alpine Bereiche führen und menschenleere Trails soweit man schauen kann. Im Gegensatz zu dem gnadenlosen Regen, war dieser Ort perfekt.

Kilometre 4711 – Kanada. Zuhause. Nach der zweimonatigen Reise nach Norden, Süden, Westen und Osten, nach dem täglichen Laufen, Wandern und Campen, war das ein willkommener Anblick. Die 4000 km lange Heimfahrt beginnt.

Es war, wie ich schon mit acht Jahren geschrieben habe, “Ich habe mich für Alaska entschieden, weil es dort viele Berge und Seen gibt. Ich wünsche mir, viel Zeit meines Lebens dort zu verbringen, weil es an diesen Orten so friedlich aussieht und es so viel Natur gibt. Ich weiß schon, dass mein Lieblingsplatz in der Natur sein wird. Ich liebe die Natur.”

Nach zwei Monaten, die ich eingetaucht in die Landschaften von Alaska & Yukon verbracht habe, bedeutet mir dieser Textausschnitt mehr als jemals zuvor. Ich verbrachte meine Tage in den Bergen, schwamm in Gletscherseen, lief und wanderte auf allen Trails, die ich finden konnte. Meine Empfindungen für die Natur und ihre Friedlichkeit sind stärker denn je.

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