THE SHAPE OF TIME
Text von Lisa Richardson | Fotos von Klaus Fengler und John Price
Für die Profi-Alpinistin Ines Papert und die Bergführerin Sarah Hueniken ist 50 nur eine Zahl. Ihr Motto: „Es ist einfach ein Tag nach der Neunundvierzig — und so jung wie heute kommen wir nie wieder zusammen.“ Gibt es noch weitere Erkenntnisse, die wir aus den den Erfahrungen zweier der erfolgreichsten Eiskletterinnen unserer Generation ziehen können?
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Schicht für Schicht
Natürliches Eis lebt.
Es entsteht nicht wie ein Eiswürfel im Gefrierschrank. Es wächst langsam. In hauchdünnen Schichten, die miteinander verbunden sind. Eine Art Transformation von Molekül zu Molekül. Eine Fortpflanzung eisiger Kälte. Ungeordnet nimmt es Gestalt an. Ohne festes Ziel. Dabei entfaltet die Schwerkraft ihre Wirkung und formt einzigartige Gebilde: erstarrte Vorhänge, Säulen, Rosenblätter, Blumenkohl.
Es reift. Schicht für Schicht.
Einige Menschen werden magisch von ihm angezogen. Denn das Eis lädt ein, in vollkommener Präsenz aufzugehen und sich selbst Stück für Stück zu transformieren.
Sarah Hueniken – Bergführerin, Eiskletterin und Mountain Muskox Mitgründerin – liebt die Extremen im Alpinismus.
Der Reiz des Eises
„Es macht Spaß, sich der Kälte auszusetzen, nicht immer in der Komfortzone zu sein und sich ein wenig zu fürchten“, preist Sarah die extremen Erfahrungen beim Eisklettern an. „Wenn ich im Warmen und in Sicherheit sitze und den Tag Revue passieren lasse, steigt eine Welle der Euphorie in mir auf.“
Die heute 51-jährige Sarah stand in ihren Vierzigern auf einigen Podiumsplätzen bei Eiskletterwettkämpfen. Sie arbeitete bereits als ACMG Bergführerin und Prüferin, kletterte am Fels im Bereich 8a/8a+. Mit M11, M12, M13 und M14 Mixed- und Eisrouten gelang ihr zudem, was keine andere nordamerikanische Frau bis dahin geschafft hatte – und sie wurde immer besser.
„Wenn ich im Warmen und in Sicherheit sitze und den Tag Revue passieren lasse, steigt eine Welle der Euphorie in mir auf.“
2020 hat sie die in der Szene bekannten „Phobias“ im Ghost River Valley (Rocky Mountains) und damit drei harte Routen und insgesamt 13 Seillängen an einem Tag miteinander kombiniert. Ein Projekt, das seither nicht mehr wiederholt wurde. Im darauffolgenden Winter legte sie mit 46 Jahren die Latte noch höher und zeigte was sie drauf hat. In der Eiskletter-Szene bekannten Haffner Cave (aka Hoar Cave) tickte sie die sechs härtesten Routen an einem Tag.
Angesichts der weitverbreiteten Annahme, dass Kletterinnen und Kletterer in ihren Mittzwanzigern ihren Höhepunkt erreichen, hätte sie sich ein Krönchen aus Eis aufsetzen, ihre Eisgeräte an den Nagel hängen und es dabei belassen können. Aber auch die große 50 sollte an ihrer Passion nichts ändern. Ihr ganzes Leben drehte sich ums Klettern und die Berge.
Zudem war und ist ihr Lebensmittelpunkt in einer Region, in der die Temperaturen mehr als ein halbes Jahr lang im Minusbereich liegen. Hier hat sie einen festen Freundeskreis. Hier entstand ihre Leidenschaft. Klettern gehört für sie einfach dazu.
Angesichts der weitverbreiteten Annahme, dass Kletterinnen und Kletterer in ihren Mittzwanzigern ihren Höhepunkt erreichen, hätte sie sich ein Krönchen aus Eis aufsetzen, ihre Eisgeräte an den Nagel hängen und es dabei belassen können. Aber auch die große 50 sollte an ihrer Passion nichts ändern.
Im April 2025 feierte die engagierte Erstbegeherin und starke Alpinistin Ines Papert ihren 51. Geburtstag. Als sie 27 war, konzentrierte sich die frischgebackene und alleinerziehende Mutter, Physiotherapeutin und leidenschaftliche Kletterin voll auf den damals neu geschaffenen Eiskletterweltcup. Im darauffolgenden Jahrzehnt gewann Ines vier Weltmeisterschaften, 13 Weltcupstationen und dreimal den Gesamttitel der Weltcupsaison.
Voller Neugier und Ambitionen reiste sie die nächsten 25 Jahre um die Welt. Von Kirgistan nach Marokko, von Kanada nach Schottland, von Nepal nach Norwegen – sie erschloss lange Mixed-Routen bis M12 und Mehrseillängentouren bis 7c+. In ihren Vierzigern gab sie weiter Gas und eröffnete noch mehr wegweisende Routen. Sie verlor den Überblick, weil es so viele Linien an den verschiedensten Orten waren:
„Vielleicht 200“, antwortet sie schulterzuckend. Irgendwann hört man einfach mit dem Zählen auf.
Alpinistin, Weltcupsiegerin und Erstbegeherin Ines Papert ist eine Naturgewalt in den Bergen.
Das Klettern als Lehrer fürs Leben
Im Laufe eines Lebens summieren sich Erfolge und Rückschläge, Auszeichnungen und kleine Schätze. Ohne sorgfältige Reflexion können sie zu Ballast werden.
Als Ines 50 wurde, schmiss sie eine große Party, kletterte ihre erste 8b+ und entrümpelte ihre Garage. „Da war so viel Zeugs. Dinge, die ich über die Jahre gesammelt und kaum benutzt hatte“, erklärt sie. Es war an der Zeit loszulassen. Sie behielt die wichtigsten Sachen und machte sich die Mühe, alles andere an Menschen zu geben, die es brauchen konnten. Erleichtert und mit deutlich weniger Ballast startete sie in ihre nächste Lebensphase.
Für Ines ist es mit der Angst genauso. Denn Angst beschwert auf die gleiche Weise wie zu viele Dinge. Sie kann dich nach unten ziehen.
Der Sport hat ihr beigebracht, stets nach vorn zu blicken. Heute weiß sie: Scheitern schmälert nicht ihre Stärke als Athletin – im Gegenteil, es formt sie zur vollendeten Kletterin.
„Angst darf da sein, aber Angst darf auch weichen. Beim Klettern musst du dich immer wieder mit persönlichen Niederlagen auseinandersetzen. Enttäuschungen gehören dazu. Je größere Ziele du dir vornimmst, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass du scheiterst“, sagt sie. „Erfolg haben ist simpel. Es ist leicht, glücklich zu sein, wenn du etwas geschafft hast. Aber bist du auch glücklich, wenn nicht? Ich habe so viel vom Klettern gelernt. Ich habe gelernt, mit diesen Momenten umzugehen. Ich habe verstanden, dass Scheitern ein sehr guter Lehrer ist.“
Als Ines jünger war, war jeder Rückschlag ein Beweis für sie, dass sie nicht die Kletterin war, die sie sein wollte. „Damals habe ich noch nicht gesehen, was mir das Scheitern bringen könnte. Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt, als wäre ich nicht stark genug“, erzählt sie.
Das Klettern hat sie gelehrt, immer nach vorne zu schauen. Jetzt weiß sie, dass Scheitern sie nicht weniger zur Kletterin macht. Genau das macht sie zu einer Kletterin. Dank ihrer vielen Jahre in den Bergen kann sie einen Misserfolg heute direkt in eine nützliche Information verwandeln. Sie fragt sich, „Was könnte ich anders machen, damit es klappt?“
Es gibt immer einen anderen Zug, einen alternativen Griff oder ein neues Ziel. Jede Möglichkeit ist eine Lektion, die einen Weg eröffnet.
Immer vorwärts
„Nicht nach unten schauen, Sarah. Du musst den Blick nach vorne richten, in Richtung deines Ziels. Nicht zurück. Immer vorwärts.“ Das ist ein Motivationsspruch und Geheimtipp, mit dem Ines Sarah in der neuen Mehrseillängentour „Hybrid“ (M8+ WI 6 clean) in den Dolomiten anfeuerte. Die beiden Frauen kletterten diese Tour im Januar 2025 in Wechselführung.
Sarah ist von Ines’ Fähigkeit, sich in unbekanntes Terrain zu wagen, fasziniert. Sie erzählt: „Ich stelle mir immerzu die Frage: Kann ich mich dahin wagen? Wie groß sind die Konsequenzen? Kann ich mich auf meine Fähigkeiten verlassen? Dieser Entscheidungsprozess kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Ines macht das intuitiv. Sie denkt: ‚Ich weiß, dass ich den nächsten Teil schaffe. Ich versuch es einfach, glaub an mich und hab Vertrauen.’ Das sind Fähigkeiten, die auf Erfahrung und auf Weisheit basieren. Eine Grundlage, die sich über unzählige Jahre entwickelt hat. Ich bewundere, dass sie genau weiß, was sie sich körperlich und mental zutrauen kann. Sie hat ein gutes Gleichgewicht gefunden. Dieser Zustand muss einfach wunderbar sein.“
Sarah ist zwar ein paar Zentimeter größer, schaut aber zu ihrer sechs Monate älteren Freundin und Seilpartnerin auf. „Sie ist klein, aber oho. Körperlich und mental extrem stark. Es gibt Fotos, auf denen sie an unglaublichen Orten ist. Ich habe keine andere Frau gesehen, die sich in solchen Situationen so selbstsicher bewegt. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, an ihrer Stelle zu sein. Dabei ging es nicht um einen Schwierigkeitsgrad oder eine spezielle Errungenschaft. Zu sehen, wie sicher sie sich an diesen Orten zu fühlen scheint, war so unglaublich inspirierend. Mir selbst fehlte dieses Vertrauen. Ihr Einfluss hat mir geholfen, mich mehr zu pushen und meine Projekte mit mehr Selbstsicherheit anzugehen.“
„Zu sehen, wie sicher sie sich an diesen Orten zu fühlen scheint, war so unglaublich inspirierend. Mir selbst fehlte dieses Vertrauen. Ihr Einfluss hat mir geholfen, mich mehr zu pushen und meine Projekte mit mehr Selbstsicherheit anzugehen.“
Alles haben versus alles geben
Sarah denkt hin und wieder darüber nach, was passiert wäre, wenn sie sich für ein Leben als professionelle Athletin entschieden hätte, anstatt Bergführerin zu werden. Sie füllt die unterschiedlichsten Rollen aus: Tochter, Partnerin, Mutter, Freundin, Geschäftsführerin einer gemeinnützigen Organisation, Bergführerin, Mentorin und Athletin. „Ich möchte allen Rollen gerecht werden. Ich möchte meinen Vater in Ontario besuchen. Ich möchte mit meiner Tochter einen gemeinsamen Tag beim Shoppen verbringen. Ich möchte die Route führen, von der ein Gast träumt. Und ich möchte eine 8b klettern. Das alles geht nicht gleichzeitig und ich darf mich deswegen nicht verurteilen“, sagt sie.
Heute ist sie stärker als mit 25. Mental und körperlich. „Ich bin schlauer. Ich habe viel Zeit investiert. Ich kenne mich besser. Ich glaube, dass ich heute mehr erreichen kann als in meinen Zwanzigern. Gleichzeitig wünschte ich mir, dass ich meine Lebenserfahrung mit meiner jüngeren körperlichen Regenations- und Leistungsfähigkeit paaren könnte. Das wäre einfach großartig.“
„Ich bin schlauer. Ich habe viel Zeit investiert. Ich kenne mich besser. Ich glaube, dass ich heute mehr erreichen kann als in meinen Zwanzigern…“
„Ich werde klettern, so lang mein Körper mitmacht“, sagt Ines. „Wahrscheinlich wird sich die äußere Form des Kletterns verändern und der Fokus, den der Sport einnimmt. Für mich ist Klettern aber eh nicht nur auf Leistung und Erfolg ausgelegt. Ich klettere, weil es Spaß und zufrieden macht. Und weil ich die Gemeinschaft schätze und die Menschen, mit denen ich draußen unterwegs bin. Ich hoffe also, dass ich den Sport noch sehr, sehr lange machen kann.“
„Das Schöne am Älterwerden ist, dass sich das Konzept der Zeit ändert“, sagt Sarah. „Mit 20 dachte ich, dass das Leben mit 50 vorbei ist. Jetzt sehe ich 60-Jährige, 70-Jährige und 80-Jährige, die alles Mögliche unternehmen. Das zeigt mir, dass ich noch sehr viel Zeit habe.“
Genau wie das Eis Schicht für Schicht wächst, reift das Leben einer Kletterin oder eines Kletterers. Unwetter über Unwetter nimmt es Form an, verbindet, entfaltet und verändert sich – ein Prozess, bei dem man seine Grenzen entdeckt, sie verschiebt und sich weiterentwickelt. In etwas Besonderes. Etwas, das es wert ist, gefeiert zu werden.